Zum Zahnarzt nach Bangkok

Zahnarzt-BesteckIn Thailand kriegt man vieles wesentlich billiger als in Deutschland – zum Beispiel eine Behandlung beim Zahnarzt. Der Autor hat sich in Bangkok sein kaputtes Gebiss richten lassen. Auf eigene Gefahr.

Es hat fürchterlich geknackt. Kurz darauf erschien das Gemisch aus Nüssen, Speichel und Zahntrümmern in meiner Hand. Nicht billig, so ein zerbröseltes Gebiss:

Etwa 1200 Euro würde ein Zahnersatz für mich kosten, hieß es kurze Zeit später beim Arzt.

Bei solchen Preisen werden die Schmerzen natürlich gleich noch mal so schlimm. Vor allem, weil ich gerade kurz vor der Abreise zu einem Thailandtrip stand. Ein Stückchen Porzellan soll so viel kosten wie mindestens vier Wochen Rucksackurlaub?

Ich bin trotzdem geflogen. Mit Zahnlücke, inklusive Risiken und Nebenwirkungen.

Aber schon am Flughafen in Bangkok steht der Wink der Götter in Weiß und lächelt. Eine Thailänderin steckt Touristen dort Gratisstadtpläne zu, in denen riesig gemalte Zähne örtliche Dentalspezialisten ausweisen. In Thailand zum Zahnarzt? Sämtliche Köstlichkeiten der siamesischen Küche liegen plötzlich wieder verlockend in der Luft – eigentlich hatte ich mich schon auf Suppe und leicht zu kauenden Reis eingerichtet.

Nur: Wie fortschrittlich ist die Medizin in Südostasien? Betäuben die mit Opium? Ziehen sie Zähne mit der Rohrzange? Und noch wichtiger: Wird mich mein Frankfurter Zahnarzt nicht wegjagen, wenn er von meiner Abwanderung ins billige Ausland erfährt?

Am Ende siegen Neugier und Kauprobleme über meine Bedenken: Ich probiere das jetzt einfach aus.

Schließlich lächeln an kaum einem anderen Ort so viele Menschen mit blitzsauberen Zähnen von Werbeplakaten wie in Bangkok – da muss doch was dran sein!

“Sorry Mister, open your mouth!” – zwei Zahnarzthelferinnen mit Absaugröhre und Tupftüchern in der Hand kichern während der gesamten Behandlung über die Ausmaße meiner Beine. Ich bin nämlich knapp zwei Meter groß, und die winzigen Behandlungsstühle sind auf kleine Asiaten ausgerichtet.

Halb so wild: Während der Zahnarztprozedur lenkt mich der Film “Sieben Jahre in Tibet” ab, mit Brad Pitt. Man kann sich hier nämlich DVDs zur Unterhaltung ansehen, sie laufen auf dem Computerbildschirm, den der Doktor zwischendurch für fachliche Erklärungen benutzt.

Der Spontanbesuch in der Thantakit Dental Clinic lohnt sich. Nett ist es hier, beinahe einladend. Wer die hektische Petchaburi Road entlangfährt, erkennt schon von Weitem auf dem Klinikdach einen riesigen, lachenden Zahn aus Plastik: das Markenzeichen von Thantakit. Das ist übrigens Thailändisch und bedeutet “Zahnladen”.

Drinnen präsentiert sich die in Orange und Grün gehaltene Praxis hochmodern und unkompliziert. Der grüne Tee ist obligatorisch, eine Assistentin massiert meine angespannte Rückenmuskulatur. Die Klimaanlage surrt, und während es in deutschen Praxen höchstens alte Lesezirkel-Hefte gibt, liegt hier internationale Tagespresse aus. Als wäre das nicht genug, laufen zusätzlich Fernsehnachrichten, und an den Wänden bescheinigen Zertifikate Zahnarztausbildungen in den USA. Die Empfangsdame lächelt. Langsam steigt Schamgefühl in mir auf: Von Rohrzangen und Opium kann wirklich keine Rede sein.

“Wir reiten ja hier nicht mit Elefanten zur Arbeit”, lacht Krisadee Sirikrai, mein neuer thailändischer Zahnarzt. Er ist der jüngste von drei Söhnen, die im Familienbetrieb Thantakit arbeiten. Darüber, dass ein Deutscher zu ihm kommt, wundert sich Sirikrai gar nicht. Euphorisch erzählt der Mann vom Großvater, der Thantakit vor 60 Jahren gründete; heute arbeiten in drei modernen Kliniken 25 Zahnärzte im Rotationsprinzip.

Thailänder mit normalem Einkommen können sich bei Thantakit allerdings kaum eine Behandlung leisten: Familie Sirikrai hat sich auf Ausländer und Einheimische der Oberschicht spezialisiert. Trotzdem liegen die Preise immer noch unter der Hälfte dessen, was in Europa üblich ist. Eine Zahnreinigung kostet zum Beispiel umgerechnet 10 Euro – der ideale Einstiegstarif für erste Impressionen des thailändischen Dentalangebots.

Nachdem meine Zähne professionell gereinigt sind und ich mehr Zutrauen in die asiatischen Behandlungsmethoden gefasst habe, gehe ich in die Vollen:

Mein bestellter Zahnersatz soll 250 Euro kosten, ein geradezu läppischer Preis.

Sorgfältig hatte Sirikrai schon vorher die Maße für den Zahnersatz genommen, bei einem zweiten Termin drei Tage später setzt er sauber und gekonnt die Betäubunsspritze, die allerdings genauso gemein aussieht wie eine aus der Heimat.

Längst auf dem Rückflug, hat sich der Zahnersatz bestens eingepasst. Natürlich muss ich die Behandlungskosten aus Thailand ganz allein tragen – “Wo denken Sie hin?” hieß es auf meine Nachfrage dazu bei der Krankenkasse.

Trotzdem steht mein Entschluss fest: Ich werde eine längst überfällige kieferorthopädische Behandlung in Bangkok durchführen lassen. Bei Thantakit kostet das Ganze rund 1800 Euro – in Deutschland berechnen einige Ärzte rund 8000 Euro für dieselbe Behandlung.

Sicher gibt es auch zu Hause billigere Angebote. Doch die Kalkulation eines reiselustigen Menschen sieht anders aus: Lieber den Differenzbetrag zweimal pro Jahr in Flüge stecken, die thailändische Küche genießen, am Strand liegen – und Urlaub beim Arzt machen.

Foto: Cristabel / sxc.hu