Lange Jahre hat die Globalisierung die Inflation niedrig gehalten.
Doch seit einigen Monaten ist das Pendel umgeschlagen.
Der scharfe Anstieg der Preise für Rohöl und Lebensmittel hat überall auf der Welt einen Teuerungsschub ausgelöst.
In Deutschland ist die Inflationsrate im Juni auf 3,3 Prozent gesprungen, den höchsten Stand seit 15 Jahren, im Euro-Raum sogar auf vier Prozent.
In 50 Ländern, in denen mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung leben, steigen die Preisbarometer inzwischen sogar jährlich schon um zehn Prozent und mehr.
Die Geldentwertung trifft vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten, mancherorts hat sich das schon in politischen Unruhen entladen.
Die Zentralbanken stehen nun vor der größten Herausforderung seit den siebziger Jahren, als zwei Ölpreisschocks die Inflation anheizten.
Zur Erinnerung: Um die Inflationsmentalität zu brechen, sah sich die amerikanische Notenbank Anfang der achtziger Jahre gezwungen, ihren Leitzins auf 20 Prozent anzuheben. Als Folge schrumpfte die Wirtschaft mehrere Quartale.
Die Rosskur wirkte, von da an ging die Inflation zumindest in den Industrieländern zurück und blieb niedrig. Unterstützung erhielt die Geldpolitik allerdings von der Globalisierung. Sie ermöglichte es den Unternehmen, Teile ihrer Produktion in die Schwellenländer mit ihren niedrigen Arbeitskosten zu verlagern.
Die Billigimporte aus diesen Ländern hielten die Inflation hierzulande niedrig, zumal der Wettbewerbsdruck den Lohnanstieg bremste.
Viele Schwellenländer, allen voran China, trugen das Ihre dazu bei – und tun dies oft weiterhin: Um ihren Export zu stimulieren und Arbeitsplätze zu schaffen, halten sie ihren Wechselkurs zum Dollar durch staatliche Eingriffe künstlich niedrig. Bewerkstelligt wird dies über den Ankauf von Dollar und anderen Devisen.
Aus dieser Geldschöpfung ist, zumindest zum Teil, die Liquidität entstanden, die seit Jahren auf den Kapitalmärkten hin und her schwappt und die Preise für Vermögensgüter – Aktien, Immobilien, Risikokredite – nach oben getrieben hat.
Die Zentralbanken der Industrieländer ließ der Anstieg der Vermögenspreise lange ziemlich kalt.
Sie sehen ihre Verantwortung darin, die Inflation der Verbraucherpreise niedrig zu halten. Dafür aber sorgten Billigimporte und Lohnwettbewerb. Als die Globalisierung zu Beginn des Jahrzehnts sogar einer Deflation der Verbraucherpreise Vorschub zu leisten drohte, senkten die Zentralbanken ihre Leitzinsen.
Auch diese billige Liquidität nutzten Anleger für Spekulationen an den Vermögensmärkten.
Davon unbeeindruckt blieb der Anstieg der Verbraucherpreise bis ins vergangene Jahr hinein niedrig.
Zum Umschwung trug zweierlei bei: Zum einen sind die Volkswirtschaften in Schwellenländern wie China so stark gewachsen, dass ihre Nachfrage nach Energie und höherwertigen Lebensmitteln inzwischen auch im Weltmaßstab ins Gewicht fällt. Weil das Angebot – die Produktion – nicht schnell genug gesteigert werden kann, steigen die Preise.
Hinzu kommt, dass Anleger die verfügbare Liquidität seit einigen Jahren verstärkt in neuartige Rohstoff-Finanzkontrakte investieren. Das verstärkt den Preisauftrieb der Rohstoffe und schlägt nun überall auf die Preise durch – an der Tankstelle und im Supermarkt.
Die Geldpolitik ist in eine schwierige Lage geraten. Auf der einen Seite Inflation, auf der anderen Seite deflationäre Impulse: Denn das Platzen der Immobilienblase in den Vereinigten Staaten und vielen anderen Ländern dämpft das Wirtschaftswachstum; in die gleiche Richtung wirkt die damit einhergehende Bankenkrise, die sich noch weiter verschärfen dürfte.
Und niemand kann derzeit abschätzen, wie weit Abschwung und Krise noch Kreise ziehen werden, ob die Weltwirtschaft womöglich in eine Abwärtsspirale gerät.
Ist es in solch unsicherer Lage verantwortbar, die Inflation zu bekämpfen und die Wirtschaft über höhere Leitzinsen zusätzlich zu bremsen?
Viele Politiker wiegen sich in der Hoffnung, dass die Inflation mit dem Abflauen der Konjunktur schon abebben werde. Doch die Erfahrung lehrt, dass diese Hoffnung auf Sand gebaut ist. Denn einmal so vehement in Gang gekommen wie jetzt, ist Inflation ein sich selbst verstärkender sozialer Prozess, der sich von ökonomischen Faktoren wie zum Beispiel der Auslastung der Kapazitäten abkoppelt.
Und die Erfahrung lehrt auch, dass starke Inflation letztlich die gesamte Wirtschaft zerrüttet.
Die Geldpolitik muss deshalb verhindern, dass es zu einer Preis-Lohn-Spirale wie in den siebziger Jahren kommt. Denn die Kosten der Inflationsbekämpfung sind umso niedriger, je früher der Inflationsmentalität begegnet wird.
Die Europäische Zentralbank sollte deshalb am Donnerstag ihren Leitzins von vier auf 4,25 Prozent anheben. Viele Schwellenländer haben noch mehr Handlungsbedarf: Sie müssen ihre Leitzinsen kräftig heraufsetzen. Zudem sollten sie ihre Währungen freigeben und aufwerten lassen. Das senkt ihre Importkosten für Energie und dämpft so die Inflation.
Alle Zentralbanken gemeinsam sollten darüber nachdenken, welche Fehler sie gemacht haben – und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind.
Quelle: B.Fehr
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