Deutsche Versicherer hegen ein ungeheures Misstrauen gegenüber ihren Kunden.
Millionen von ihnen sind in einem Sündenregister gespeichert.
Selbst bei einem unbegründeten Eintrag kann der Versicherungsschutz entfallen.
Die Versicherer verdächtigen zurzeit etwa neun Millionen Kunden des Betrugs.
So viele Datensätze sammeln sie im “Hinweis- und Informationssystem der Versicherungswirtschaft”.
Die Unternehmen nutzen es bei Antragsannahme oder Schadensbearbeitung und prüfen, ob der Kunde dort bereits erfasst ist.
Allein 2007 gab es 1,79 Millionen neue Einträge, dafür wurden die 2001 eingestellten gelöscht.
Mit 1,14 Millionen Datensätzen, die sie 2007 bei Schadensfällen eingaben, liegen die Autoversicherer an der Spitze. Sie verdächtigen damit mehr als jeden zehnten Anspruchsteller.
2007 gab es in der Lebensversicherung 607.000 Einträge. Lebens- und Rechtsschutzversicherer gleichen auch Informationen von Kunden ab, die Anträge stellen. In den übrigen Sparten ist das eher die Ausnahme.
Die Kriterien, die zur Aufnahme in das Register führen, sind geheim.
“Es würde keinen Sinn machen, die Kriterien bekannt zu machen”, sagt ein Sprecher des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft.
Die Furcht: Die Veröffentlichung macht Betrügern das Leben leichter.
Datenschützer laufen seit Langem Sturm gegen das System. Zwar unterschreiben Kunden mit dem Versicherungsantrag, dass sie mit der Datenweitergabe einverstanden sind – aber es dürfte nicht allen bewusst sein, was sie da tun.
Zurzeit verhandeln Daten- und Verbraucherschützer mit Vertretern der Assekuranz über Änderungen des vermeintlichen Sünderregisters, die Gespräche sollen bis Ende des Jahres abgeschlossen sein.
Für Kunden ist nicht nachvollziehbar, warum sie keinen Vertrag bekommen oder eine höhere Prämie zahlen sollen. “Es handelt sich um eine reine Verdachtsmeldung”, sagt der Landesdatenschutzbeauftragte in Schleswig-Holstein Thilo Weichert. Die Mitarbeiter der Versicherer interpretierten die Daten unterschiedlich oder falsch.
“Die Folge ist, dass Leute, obwohl sie kein höheres Risiko darstellen, Verträge verweigert bekommen.”
Wer in einem Jahr zweimal den Rechtsschutzversicherer in Anspruch nimmt, könne es schwer haben, einen neuen Vertrag zu erhalten.
Das gelte auch für existenziell nötige Policen wie die private Haftpflicht.
Auch bei Berufsunfähigkeitspolicen drohen Probleme. Kunden mit Vorerkrankungen wollen die Versicherer nicht. “Kunden sollten die Fragen des Versicherers immer ehrlich beantworten”, sagt Lilo Blunck vom Bund der Versicherten. Sonst riskieren sie den Versicherungsschutz. Sie sollten aber nicht mehr sagen, als sie müssen.
Rufen Versicherer Informationen bei Medizinern ab, müssen die Patienten diese von der Schweigepflicht entbinden. Versicherte sollten nachfragen, was der Mediziner meldet, rät Blunck.
Verbraucherschützer empfehlen gerade Kunden mit Vorerkrankungen, Anträge auf Berufsunfähigkeitspolicen über Versicherungsmakler zu stellen. “Ansonsten besteht die Gefahr, dass der Kunde nach mehreren Anfragen überhaupt keinen Versicherungsschutz bekommt”, sagt Lars Gatschke vom Bundesverband der Verbraucherzentralen.
Makler als unabhängige Vermittler holen für Verbraucher mehrere Angebote ein, ohne Namen zu nennen.
Verweigern Versicherer eine Police oder fordern sie einen Risikozuschlag, sollten Kunden nach den Gründen fragen. Die Anbieter müssen sagen, welche Informationen sie an das System weitergegeben haben, aber sie müssen nicht mitteilen, welche Daten ein anderer gemeldet hat.
Gibt das Unternehmen keine Auskunft, können Verbraucher sich an die Datenschutzbeauftragten der Länder wenden.
Glauben sie, dass der Versicherer gegen Gesetze verstößt, können sie sich bei der Finanzaufsicht BaFin beschweren.
Quelle: A.Krüger
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