Mit Kampfkonditionen auf Kundenfang
Freitag November 14th 2008, 8:09 am
Abgelegt unter: Verbraucherschutz, Banken

Der Fall der gestrauchelten isländischen Bank Kaupthing hat Finanzaufseher alarmiert.

Sie sehen die Gefahr, dass Banken aus “finanzaufsichtsschwachen” Staaten des Europäischen Wirtschaftsraumes (EWR) mit Kampfkonditionen um Einlagen von Kunden werben, ohne ausreichende Sicherheiten zu bieten.

Als Verkaufsargument diene dabei der Verweis auf die eigene Einlagensicherung, was sich im Ernstfall als brüchig herausstellen könnte.

Die Zulassungsvoraussetzungen sind nach Meinung von Experten zu lasch.

So lange Wettbewerber wie Kaupthing aus dem EWR kommen (EU-Staaten einschließlich Island, Norwegen und Liechtenstein), hat die nationale Finanzaufsicht jedoch keine Möglichkeit, hier einzugreifen.

Die Kritik gilt dem sogenannten EU-Pass-Verfahren, das im Kreditwesengesetz seinen Niederschlag gefunden hat.

Danach darf beispielsweise eine Bank mit Sitz in einem anderen Staat des EWR ohne Erlaubnis der Finanzaufsicht über eine Zweigniederlassung oder im Wege des grenzüberschreitenden Dienstleistungsverkehrs in Deutschland Bankgeschäfte betreiben.

Das gilt natürlich nur unter der Voraussetzung, dass die Bank von den zuständigen Stellen des Herkunftsstaates zugelassen worden ist.

Finanzaufseher monieren, dass die Missbrauchsmöglichkeiten dieser für den EU-Binnenmarkt zentralen Regelung nicht ausreichend beachtet wurden.

Das sehen auch die Verbraucherschützer so.

“Die Frage lautet doch, kann man den entsprechenden Sicherungssystemen in den anderen EWR-Staaten eigentlich vertrauen”, sagt Frank-Christian Pauli von der Verbraucherzentrale Bundesverband. Der Fall Kaupthing zeige, dass das nicht der Fall sei. Deutsche Kaupthing-Kunden hängen nach wie vor in der Luft.

Bei der Kaupthing Bank Deutschland handelt es sich um eine unselbstständige Niederlassung, die nach dem EU-Pass-Verfahren errichtet wurde. Sie unterliegt damit der isländischen Aufsicht und der isländischen Einlagensicherung. Derzeit sieht sich der finanzklamme Staat nicht in der Lage, die deutschen Einleger zu entschädigen.

Das Bundesfinanzministerium sieht dennoch keinen Anlass, eine große Debatte loszutreten.

Die EU-Kommission sei mit ihrem Vorschlag, den Mindestsatz der Einlagensicherung von zunächst 50 000 Euro und im nächsten Jahr dann auf 100 000 Euro aufzustocken, auf dem richtigen Weg. Derzeit liegt die Mindestgarantie für Spareinlagen bei 20 000 Euro.

Doch nach Ansicht des Verbraucherschützers Pauli spart die Kommission einen wesentlichen Aspekt aus: “Was soll passieren, wenn eine Volkswirtschaft nicht in der Lage ist, ihr Einlagensicherungssystem im Krisenfall zu erhalten?” Das sei sicherlich auch ein Problem, das sich bei der lettischen Parex Bank stelle, die jetzt auch verstaatlicht wurde.

Nicht nur innerhalb des EWR-Raumes drohen Gefahren für den Anleger.

So weisen Bankenkreise auf türkische Bankadressen hin, die über Tochtergesellschaften in den Niederlanden ihre Einlagen durch die dortige Einlagenversicherung absichern und dank des EU-Pass-Verfahrens am deutschen Markt Sparer mit hohen Zinsen ködern.

Bankenverbandskreise sehen hier die Länder in der Pflicht, die sich Banken aus Nicht-EWR-Staaten für ihren Markteintritt ausgesucht haben. “Hier müssen wir einfach scharf prüfen, ob alle Bedingungen erfüllt sind”, heißt es. Allerdings fehlt nicht der Hinweis, dass die Bankaufsichtsregeln zwar weitgehend harmonisiert sind, doch in der EU unterschiedlich angewendet werden.

Es gibt halt kapitalmarktfreundlichere Aufsichtspraktiken, heißt es beispielsweise mit Blick auf Irland.

Verbraucherschützer und Bankenverbände geben in dieser undurchsichtigen Gemengelage nur einen Rat: “Anleger sollten sich bei jeder Anlage klar machen, was im schlimmsten Fall drohen könnte”, heißt es.
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Quelle: F.M.Drost





Wirtschaftsmacht Brasilien
Freitag Oktober 31st 2008, 1:40 pm
Abgelegt unter: Tagesthemen

Während die Finanzmärkte derzeit nur wenig schuldig bleiben, starrt alles auf die Schwellenländer

Wenigstens die BRIC-Staaten – Brasilien, Russland, Indien und China – sollten doch die Weltökonomie vor dem endgültigen Absturz retten können.

Schließlich brauchen sie uns als Absatzmärkte für ihre Exportindustrien – Interdependenz nennt man das.

Vor zehn Jahren traf es Brasilien hart.

Auf die Asien-Krise 1997 folgte die Russland-Krise ein Jahr später. Drei Monate nach Russland war die südamerikanische Regionalmacht fällig. Um einem Zusammenbruch zu entgehen, akzeptierte die damalige Regierung von Präsident Henrique einen 43-Milliarden-Dollar-Kredit des Internationalen Währungsfonds und unterwarf sich dessen Bedingungen.

Eine knallharte Sparpolitik verzehrte die brasilianische Ökonomie und verkrüppelte den Staat auf Jahre hinaus. Was den internationalen Gläubigern gefiel, gefiel den Brasilianern ganz und gar nicht. Auf einer Woge aus Aufruhr und Protest kam 2002 die Arbeiterpartei mit dem Gewerkschaftsführer Lula da Silva an die Macht.

Heute bietet sich ein anderes Bild, da es gelang, gegen viel Widerstand die horrenden Außenstände abzutragen.

Brasilien gehört mittlerweile wie die übrigen BRIC-Länder zu den Netto-Gläubigern, während die Schuldner, allen voran die USA, im reichen Norden sitzen.

Die von dort ausgehende Finanzkrise kann auch in Brasilien immensen Schaden anrichten – noch immer ein armes Land mit einer unglaublich jungen Bevölkerung (über zwei Drittel sind unter 25 Jahre alt) und ein superreiches Land mit immensen Bodenschätzen (Uran/Eisenerz), inklusive Erdöl, das in rauen Mengen vor der Küste lagert.

Dazu präsentiert sich das Brasilien des Präsidenten Lula als große und produktive “Neue Agrarmacht”, die antritt, den USA als dem führenden Agrarexporteur den Rang abzulaufen. Und das nicht nur mit Kaffee, Zuckerrohr und Soja, sondern auch mit Rindfleisch und Biosprit.

Vom Rohstoffboom der letzten Jahre, von den noch oben schnellenden Preisen für Eisenerz und agrarische Produkte hat das Land ebenso profitiert wie von der Explosion der Energiepreise. Die Exportüberschüsse haben sich zwischen 2003 und 2008 mehr als verdoppelt, so dass die Nationalbank einen Überschuss von etwa 210 Milliarden Dollar horten konnte. Nicht genug, um jähe Wendungen aufzufangen.

Die einheimischen Banken sind stark auf den Binnenmarkt fixiert und haben der hohen Realzinsen wegen (14 Prozent bei einer Inflationsrate von sechs Prozent) prächtig verdient. Riskante Spekulationsgeschäfte kamen insofern kaum in Betracht, weder für private noch die starken öffentlichen Institute. Zweifellos haben die Brasilianer die Lektion ihrer Bankenkrise vor zehn Jahren gelernt.

Heute gehört ihr Finanzsystem zu den am stärksten regulierten der Welt. Nur etwa 30 Prozent der Privatbanken gehören ausländischen Aktionären – in Mexiko sind es 80 Prozent.

Dennoch gehen die Eruptionen der internationalen Finanzkrise nicht spurlos vorüber.

Eine Depression ungeahnten Ausmaßes vor Augen, treten Investoren und Produzenten überall auf die Bremse, die Rohstoffpreise stürzen ab. Das trifft zunächst die Firmen, die mit dem Rohstoffhandel zu tun haben. In Brasilien sind das die umsatzstärksten unter den börsennotierten Unternehmen. Daher brach schon am 2. Oktober die Börse in Sao Paulo ein, immerhin die größte Lateinamerikas und – seit der Fusion der altehrwürdigen Bolsa de Valores de São Paulo (Bovespa ) mit der Terminbörse BM&F – die drittgrößte Börse der Welt.

Wenn São Paulo abstürzt, kracht es überall in Lateinamerika. Der Bovespa-Börsenindex sackte Anfang Oktober in knapp zwei Stunden um mehr als zehn Prozent ab, der Aktienhandel wurde ausgesetzt – ein Szenario, wie es seither mehrfach stattfand.

Der brasilianische Real hat im Vergleich zum Spätsommer um fast ein Drittel gegenüber dem Dollar verloren. Das stört den Export kaum und kann die brasilianischen Banken wegen ihrer geringfügigen Verbindlichkeiten dem Ausland gegenüber nur wenig kratzen, die Preise für Importwaren jedoch stiegen im Durchschnitt um ein Viertel, zum Verdruss einer wachsenden urbanen Mittelklasse.

Brasilien ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner für die deutsche Industrie in Lateinamerika.

Noch im ersten Halbjahr 2008 sind die Ausfuhren nach Brasilien um sagenhafte 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Das heißt, wenn der brasilianische Import schrumpft, weil der Real an Wert verliert und der weltweite Rohstoffboom vorbei ist, bleibt die Exportnation Deutschland davon nicht verschont.

Ausländische Anleger verkaufen brasilianische Papiere, um an frisches Geld zu kommen, das drückt den Kurs des Real gegenüber dem Dollar weiter herab.

Brasiliens Präsident Lula da Silva befürchtet, dass der globale Süden den Preis für die unverantwortlichen Finanzabenteuer der Wall Street und des internationalen Spekulationskapitals zahlen muss. Im Moment sieht es noch so aus, als hätten die Brasilianer ihre Ökonomie gut immunisiert.

Falls jedoch eine Weltwirtschaftskrise heraufzieht und den Boom der neuen Industrieländer kappt, wird Brasilien der Krise nicht entgehen können.
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Quelle: M.Krätke









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