Sozialinspektoren gegen Sozialhilfe-Missbrauch
Montag April 21st 2008, 7:37 pm
Abgelegt unter: Tagesthemen

Nach Zürich, Basel, Emmen setzen neu auch die vier Berner Gemeinden Bern (Stadt), Biel, Köniz und Ittigen Sozialinspektoren ein.

Es ist ein Pilotprojekt: Der Kanton zahlt, die vier beteiligten Gemeinden lassen Sozialinspektoren ermitteln.

Ihr Auftrag: Missbräuche effizient bekämpfen und wenn immer möglich verhindern, umschrieb Philippe Perrenoud, der sozialdemokratische Gesundheitsdirektor in der Berner Kantonsregierung, am Montag die Zielsetzung. Es gehe aber auch darum, das Vertrauen in die Sozialdienste zu stärken.

Für den Bieler Gemeinderat Pierre-Yves Moeschler steht die Glaubwürdigkeit der gesamten öffentlichen Verwaltung auf dem Spiel.

“Öffentliche Gelder können und dürfen nicht verschwendet werden”, sagte der Sozialdirektor bei der Vorstellung des Versuchs.

Seine Abteilung war es, die den Anstoss für das Zusammenspannen von Kanton und Gemeinden gegeben hatte.

Im bis Oktober 2008 befristeten Versuch setzen die vier beteiligten Gemeinden Sozialinspektoren ein. Dann nämlich, wenn in Verdacht auf missbräuchlichen Sozialhilfebezug besteht. “Die Sozialinspektoren sollen diesen Verdacht erhärten oder beseitigen”, erwartet Walter Haag, Leiter der Abteilung Soziales und Vormundschaft bei der Berner Vorortsgemeinde Köniz.

Der Kanton erhofft sich von der Zusammenarbeit mit den Gemeinden Antworten auf folgende Fragen: Welche Formen von Missbrauch gibt es? Können die Sozialdienste ihre Kontrollen optimieren? Bringen Sozialinspektoren zusätzlichen Nutzen?

Die Ergebnisse des Versuchs sind auf Ende dieses Jahres oder Anfang 2009 angekündigt. Perrenoud erwartet von ihnen einen Nutzen für den ganzen Kanton Bern. Sie sollen aber auch mithelfen, mehr Sachlichkeit in die öffentliche Diskussion zu bringen.

Nur eine kleine Minderheit würde Sozialhilfe missbräuchlich beziehen, betonte Perrenoud. “Der überwiegende Teil der Bezüger aber befindet sich in einer Notlage und ist dringend auf finanzielle Unterstützung angewiesen.”

Das Ziel, den Missbrauch zu bekämpfen, gibt der Kanton den vier Pilotgemeinden vor. In der Wahl der Konzepte aber lässt er ihnen grossen Spielraum. Dies soll einen Vergleich der verschiedenen Ansätze ermöglichen, sagte Perrenoud.

In Biel dürfen Sozialinspektoren nur auf Antrag des Sozialdienstes oder von Dritten aktiv werden. Sie überprüfen etwa die Wohnsituation der Bezüger und ermitteln bei Verdacht auf nicht deklarierte Einkommen oder Nebeneinkünfte.

Heimliche Untersuchungen sind aber nicht erlaubt.

Ebenso wenig in Ittigen. Mangels gesetzlicher Grundlagen dürfen die Sozialinspektoren auch im Berner Vorort nicht verdeckt gegen Bezüger ermitteln. Die Behörden haben deshalb alle der knapp 400 Sozialhilfebezüger “offen und transparent” auf mögliche Überprüfungsmassnahmen aufmerksam gemacht. Davon erhoffen sie sich eine abschreckende Wirkung.

Die Könizer Behörden dagegen halten Hausbesuche nicht für ausreichend und lassen die Sozialinspektoren verdächtige Bezüger auch beobachten und überwachen. Dies darf aber nur im öffentlichen Raum geschehen, schränkt der Könizer Behördenvertreter ein.

Die Stadt Bern, die sich auch am Versuch beteiligt, hat ihre Pläne bereits vor einem Monat vorgestellt. Die Bundesstadt will eineinhalb Stellen für Sozialinspektoren und eine Vollstelle für einen Sozialrevisor schaffen.

In Bern dürfen die Inspektoren ebenfalls nicht verdeckt ermitteln. Der Sozialrevisor unterstützt die Sozialarbeitenden in Fällen, die in finanzieller Hinsicht komplex sind.

Die Stadtberner Sozialdirektorin Edith Olibet war lange Zeit eine erklärte Gegnerin vom Einsatz von Sozialinspektoren gewesen.

Der im letzten Sommer publik gewordene Fall eines Iraners, der Sozialhilfe bezog und gleichzeitig einen teuren BMW fuhr, löste dann aber einen Umschwung aus.

Solche und andere Fälle, die von den Medien aufgegriffen wurden, dienten der Schweizerischen Volkspartei als Munition für eine aggressive Kampagne gegen “Sozialschmarotzer”.

Bezüger von Sozialhilfe, insbesondere solche mit ausländischer Herkunft, sind seither vermehrt als Profiteure auf Kosten der Steuerzahler stigmatisiert. Die SVP zielte aber ebenso auf Sozialbehörden aller Stufen.


Quelle: Renat Künzi




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