Silvester feiern - wo?
Samstag Dezember 29th 2007, 12:55 pm
Abgelegt unter: Tagesthemen

Zum Jahreswechsel nach Paris, New York oder Rom? Besser nicht!

Paris
Zwei Klischees kursieren über Silvester in Paris. Die einen denken, dass es dort unglaublich romantisch ist. Die anderen, dass voll die Post abgeht.

Weder das eine noch das andere stimmt. Schuld daran ist das Wetter.

Meistens gibt es am 31. Dezember leichten Nieselregen vom grauen Himmel. Die Pariser flüchten also ans Meer in ihre Zweitwohnsitze.

Weil Restaurants bereits auf Monate von Ausländern ausgebucht und zudem unbezahlbar sind, feieren die, die in der Stadt ausharren, daheim. Mit Freunden. Und Fünf- bis Acht-Gänge-Menü.

Schlägt die Uhr zwölf, schneiden die Pariser gerade den Käsenachtisch an. Jetzt raus in die Kälte? Warum?

Am Eiffelturm lockt schon seit Jahren kein Feuerwerk mehr, und auf den Champs-Elysées tummeln sich nur Touristen, Jugendliche aus den Vorstädten und Langfinger. Auf die Ausgelassenheit folgt Ernüchterung, wenn nicht nur das Portemonnaie, sondern auch die letzte Métro um 1.30 Uhr weg ist. Verkatert beginnt die Jagd auf die Taxis.

Sydney
Nicht kleckern, klotzen! Sydney hat zum New Year’s Eve die Nase ganz weit vorn.

Dank zehn Stunden Zeitverschiebung steigt man hier schon verkatert aus den Federn, wenn es in Europa erst richtig losgeht. Gleich zweimal knallt es am 31. über der Harbour Bridge – um 21 Uhr als “Family Firework” und um 24 Uhr etwas pompöser und lauter.

Manche behaupten, das frühe Spektakel sei mitnichten für Kinder. Das gebe es nur, weil halb Sydney um Mitternacht nicht mehr gerade gucken könne. Fast jeder Park oder Anleger mit Feuerwerkblick wird deshalb Silvester zur alkoholfreien Zone erklärt. Und mit Vodka gefüllte Melonen einzuschmuggeln ist nicht jedermanns Sache.

Also trinkt man früh. Oder kauft sich in eine der offiziellen Partyumzäunungen mit reguliertem Ausschank ein, etwa am Botanischen Garten. Restaurants sind die andere Option: Vor allem, wenn man 600 Euro für ein Menü im “Guillaume” an der Oper übrig hat, da ist der Wein “schon” inklusive.

Oder einer der seit Monaten reservierten Tische im “Wildfire” gegenüber wird frei. Da speist man für 232 Euro. Ohne Wein.

Rom
Die schlimmsten Klischees über Italiener werden an Silvester wahr.

Es ist, als würde das gesamte Land in die Hauptstadt strömen. Binnen Minuten sind die Straßen mit Menschen so verstopft, dass man “capodanno”, Silvester, dort verbringen muss, wo die Menge einen hingequetscht hat.

Im Gedrängel kommt man sich näher, und das ist auch beabsichtigt.

Denn dem Spruch “Chi non scopa a capodanno non scopa tutto l’anno”, der milde übersetzt dringend dazu rät, in der Silvesternacht Geschlechtsverkehr zu vollziehen, weil es sonst das ganze Jahr nichts würde, folgen die Italiener mit verbissenem Ehrgeiz.

Dazu scheppert italienische Schmusemusik durch die Gassen. Später schießen Feuerwerkskörper durchs Getümmel, von der spanischen Treppe fliegen Flaschen. Nach “capodanno” sind die Zeitungen voll von Meldungen über Versehrte aus der Nacht. Die meisten Römer verlassen ihre Stadt schon Tage zuvor Richtung Toskana.

Rio de Janeiro
Mit Müllsack und Badehose ist man zur Silvesterfeier an der Copacabana gerüstet.

In den Sack bohrt man Löcher und stülpt ihn über.

Zum Jahreswechsel pflegt es hier lauwarm und kübelweise zu gießen – und durch einen Regenschirm sieht man das Feuerwerk nicht.

Aufgrund erhöhter Gefahr von Querschlägern bitte Brandsalbe mitnehmen! Und Gummilatschen, weil der Strand mit Scherben und Schwelkörpern gespickt ist. Lebensgefahr besteht aber nicht. Denn ein Revolver in der Badehose, das fällt auf. Außerdem will jetzt auch die Unterwelt feiern: mit Ihnen!

Bluten müssen Sie trotzdem, und zwar für die überteuerten Alkoholika. Darüber hinaus gilt es an diesem Tage auch dem Meere und seiner Göttin Yemanja zu opfern – in Form von Gladiolen, Ziegenköpfen oder Körperausscheidungen. Keine Sorge, die Brandung beschert einen Vollwaschgang.

Und wer wissen will, wie es sich in einer Vogelkolonie lebt, liegt ebenfalls richtig. Jeder hat sein Nest in den Sand gebaut, rund zwei Millionen insgesamt. Sobald die Knallkörper verstummen, erhebt sich Geschnatter und Gebraus. Die Ohropax im Hotel vergessen? Sie haben ein Zimmer gekriegt? Dann müssen Sie steinreich oder weltbekannt sein.

New York
Ach, einmal Silvester am Times Square!

Der riesige Ballon über Ihnen, der um Mitternacht heruntergelassen wird. Überall Lichter und Leuchtreklame.

Sie befinden sich im Herzen der Stadt, ja der ganzen Welt, und Ihre Freunde daheim sitzen doch nur wieder auf irgendeiner öden Party herum. Der Countdown läuft: three, two, one, happy New Year! Sie stehen im Konfettiregen, drücken Ihre Liebste an die Brust und spielen mit dem Gedanken eines Heiratsantrags. Herrlich!

Aber leider nur ein schöner Traum: Das wird vor Ort spätestens dann klar, wenn einer der anderen rund 750.000 Silvester-Wahnsinnigen auf Ihren Fuß tritt.

Der Schmerz erinnert Sie daran, dass Sie sehr kalte Füße haben, weil Sie seit Stunden eingepfercht auf der Stelle stehen. Die Polizei hat den Platz längst abgesperrt und lässt schon lang niemanden mehr durch.

Wenigstens kann man bei dem Gedränge nicht umfallen. Immer positiv denken!

Der Champagner, den Sie extra für diesen besonderen Moment gekauft haben, wurde leider konfisziert: Alkoholverbot!

Berlin
Berlin ist die schönste Stadt der Welt. Im Sommer.

Im Winter dagegen ist sie mausgrau, es regnet, oder es ist sibirisch kalt oder beides. Die Einheimischen hasten missmutig über die Gehwege und kicken gefrorene Hundehaufen weg. Der Winter hier tut weh.

Umso unverständlicher ist es, dass etliche Touristen glauben, ausgerechnet der Jahreswechsel sei ein toller Zeitpunkt, in die Hauptstadt zu kommen.

Wer durch Kreuzberg oder Neukölln läuft, wähnt sich schon am Vortag im Bürgerkrieg. Aber Touristen fahren ja ohnehin lieber zur großen Party am Brandenburger Tor, wo kein Berliner je hingehen würde.

Dort steht man nämlich eingeklemmt zwischen betrunkenen Briten und Schwaben, trinkt schalen Sekt und lauscht Künstlern wie Lafee, die auf einer rund zwei Kilometer entfernten Bühne auftreten.

Die Füße sind zu Eisklumpen mutiert, man müsste dringend mal aufs Dixi-Klo, aber aus dem Pulk führt leider kein Weg heraus. Um Mitternacht sind eigentlich alle froh, dass es endlich vorbei ist. Auch wenn die Berliner Zeitungen jedes Jahr stolz verkünden, dass “einige Besucher sogar bis zwei Uhr nachts” durchgehalten hätten.

Um diese Uhrzeit geht es dagegen auf den Privatpartys der Stadt erst so richtig los: wildfremde Menschen knutschen miteinander, trinken giftgrüne Wodka-Waldmeister-Red-Bull-Sekt-Mischungen und tanzen sogar zu Bushido.


Quelle: Sonja Niemann




Keine Kommentare so far
Leave a comment



Einen Kommentar hinterlassen
Zeilen und Absätze brechen automatisch um, E-Mail-Adresse wird nie angezeigt, HTML erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>

(notwendig)

(notwendig)







Home 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39
40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76
77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109