Medellín - Silikon für 2500 Euro
Samstag Juni 28th 2008, 5:15 pm
Abgelegt unter: Finanzen und Wirtschaft

Die Welthauptstadt des Silikonbusens liegt in Kolumbien.

Es gibt kaum eine Frau in Medellín, die ohne Brustimplantate herumläuft – die Schönheitschirurgen schalten sogar Werbespots im Fernsehen.

Was in dieser Stadt anders läuft, sieht man schön an den Proportionen von Ana Sofia Henao und Natalia Paris.

Auf riesigen Werbetafeln strahlen die kolumbianischen Topmodels um die Wette und glänzen dabei mit ihren hervorstechendsten Reizen.

Gut, man könnte sagen: Prominent zur Schau gestellte Kurven sind bei Fotomodels auf Reklameplakaten nichts Ungewöhnliches.

Die Sache ist nur: In der Millionenmetropole Medellín sind auch die meisten normalen Frauen üppig ausgestattet.

Es gibt, so scheint es, kaum eine Bewohnerin dieser Stadt, die kleine oder auch nur ganz gewöhnlich proportionierte Brüste hätte. Und das hat nicht etwa mit einer genetischen Besonderheit der Durchschnittskolumbianerin zu tun.

Hunderte Schönheitskliniken gibt es in Medellín, und in allen wird wie am Fließband operiert. Nach offiziellen Angaben legen sich Jahr für Jahr allein in Medellín mehr als 100.000 Frauen unters Messer, um sich die Brüste vergrößern zu lassen.

Längst hat der Silikonkult für einen Touristenstrom der besonderen Art gesorgt:

Scharenweise kommen Frauen aus den USA, Kanada oder Mexiko in die Stadt, um eine Körbchengröße (oder zwei) zuzulegen.

Zu Pilgerstädten operationswilliger Ausländerinnen haben sich auch die Städte Bogotá und Cali entwickelt – aber an keinem anderen Ort sind Äußerlichkeiten so wichtig wie in Medellín.

Am selbst auferlegten Druck, dem kolumbianischen Schönheitsideal zu entsprechen, verdienen Fitnessstudios, Schönheitskliniken und Ernährungsberater Millionen. Die großen Shoppingzentren in Medellín sind Laufstege der Selfmade-Schönheitsköniginnen: Ob Hausfrau, Anwältin oder Krankenschwester – kolumbianische Frauen investieren fast jeden verfügbaren Peso in ihren Körper.

Für das Atombusenideal sind vor allem die Medien des südamerikanischen Landes verantwortlich. Es gibt kaum eine Nachrichtensprecherin, Moderatorin oder Schauspielerin, die bei ihrer Oberweite nicht nachgeholfen hätte.

Brüste sorgen für hohe Einschaltquoten, selbst in seriösen Nachrichtenprogrammen. “Wer nichts in der Bluse hat, kommt nicht auf den Bildschirm”, ließ in der Tageszeitung “El Tiempo” jüngst ein kolumbianischer TV-Manager wissen, der allerdings lieber anonym bleiben wollte.

Seinen Ursprung fand der Busenkult von Medellín in der dunkelsten Epoche der Stadt: Der legendäre Drogenbaron Pablo Escobar, dessen Schreckensherrschaft 1993 im Kugelhagel endete, pflegte sich gern mit vollbusigen Schönheiten zu umgeben. Entsprachen die Damen nicht ganz dem Geschmack des Kokainkönigs, ließ Escobar auf eigene Kosten operativ nachhelfen.

Diese Praxis setzten auch seine Nachfolger gern fort. So sind die Freundinnen der aktuellen Drogendealergeneration auch in der Masse der durchgestylten Körper leicht auszumachen: Bei ihnen ist eben alles noch etwas größer und extremer.

Sogar eine Telenovela beschäftigte sich bereits mit dem Thema. “Sin tetas no hay paraíso” hieß die Satireserie des TV-Senders Caracol – “Ohne Brüste kommst du nicht ins Paradies”. Erzählt wurde die Geschichte der armen Catalina, die das Herz eines reichen Drogenhändlers gewinnen will, natürlich mithilfe einer Brustvergrößerung.

Auch in der Realität ist das Geschäft mit den Brüsten geradezu absurd aufgepumpt. Auf den Titelseiten der großen Tageszeitungen buhlen nicht etwa Autohändler oder Versicherungen um neue Kunden, sondern die zahlungskräftigen Schönheitskliniken, die natürlich auch TV-Reklamespots schalten.

Und wer besonders gut operiert, findet seinen Namen schnell in den Klatschspalten wieder. Die prominentesten Halbgötter in Weiß retten in Kolumbien schon lang keine Menschenleben mehr – sie feilen nur noch an der Optik.

Für die heißlaufende Implantatindustrie Medellíns ist indes nicht nur der bizarre Körperkult der Kolumbianer verantwortlich:

Schönheitsoperationen sind in den unzähligen Clinicas Esteticas vergleichsweise preiswert; ein runderneuerter Vorbau ist schon für knappe 2000 $ zu haben. Auf den Straßen der Stadt läuft heute kaum noch eine Frau herum, die nicht operiert wäre.

Wobei es natürlich immer noch Überraschungen gibt: Als Aileen Roca Torralvo vor zwei Jahren zur neuen “Señorita Colombia” gekürt wurde, war das für die Medien des Landes eine Sensation: Die damals 20-Jährige mit fast perfekten Maßen konnte glaubhaft versichern, dass sie sich noch nie unters Messer gelegt hat. “Eine Königin ohne Operation” titelten die Blätter am nächsten Tag über das wichtigste gesellschaftliche Ereignis des Jahres.

Anreisen:
Die besten Verbindungen nach Kolumbien bieten Air France (über Paris) und Iberia (über Madrid). Direktflüge aus Deutschland gibt es derzeit keine.

Absteigen:
Zum Beispiel im Hotel Park 10, circa 90 Euro pro Nacht, Carrera 36 B, Nr. 11–12, Medellín, www.hotelpark10.com.co

Aufpumpen:
Eine renommierte Schönheitsklinik ist das IQ Interquirofanos. Brustvergrößerungen gibt es dort ab etwa 2500 Euro, Calle 7, Nr. 39–197, Medellín, www.iqinterquirofanos.com


Quelle: T.Käufer




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