Legaler Organhandel
Dienstag September 16th 2008, 6:56 pm
Abgelegt unter: Tagesthemen

Gewisse Geschäfte klingen erst einmal abstossend. Da gehen Leute mit einem Unternehmen eine Wette darüber ein, wie lange ihre Liebsten noch leben.

Sterben diese früh, kassieren sie Millionen.

So funktionieren Lebensversicherungen, und noch im 19. Jahrhundert hielt man sie für eine vulgäre Kommerzialisierung des Todes.

Heute hingegen sind sie so verbreitet wie das Sparbuch. Auch der Widerwille gegen andere Geldanlagen hat abgenommen, sagt der Harvard-Ökonom Alvin Roth, etwa gegen die Verzinsung von Darlehen. Früher galt das als Wucher.

Märkte werden oft dafür kritisiert, dass sie keine Moral kennen. Doch Moralvorstellungen beeinflussen das Spiel von Angebot und Nachfrage, verhindern es zuweilen sogar.

Ein unter Ökonomen lebhaft diskutiertes Beispiel sind Organspenden.

Bis heute ist es tabu, dass Spender (oder ihre Hinterbliebenen) bezahlt werden. Die gültige Moral sagt, dass selbst ein kontrollierter Organhandel unethisch wäre, weil so Körperteile zu Waren werden, geliefert von Armen an Reiche. Mit Abscheu lesen wir Berichte, wie Kriminelle verzweifelten moldawischen Bauern für wenige Dollar eine Niere herausoperieren.

Selbst todkranke Patienten dürfen nicht auf dem freien Markt das dringend benötigte Organ erstehen. Sie müssen sich auf eine Warteliste setzen lassen und sind auf Freiwillige angewiesen, denen im Todesfall Organe entnommen werden. Oder auf sogenannte Lebend-Spender, meist aus der Familie, die ihnen eine Niere, einen Teil der Leber oder einen Lungenlappen schenken.

Der Mangel an Nieren, Herzen, Lungen und Lebern für Transplantationen ist chronisch.

Vergangenes Jahr warteten in der Schweiz 1371 Patienten auf eine Organtransplantation, 418 hatten Glück, 50 starben jedoch, weil sie nicht rechtzeitig ein neues Organ erhielten. Auf eine Million Einwohner, so errechnete die Stiftung Swisstransplant, kommen bei uns gerade mal 10,8 Spender.

Für viele Ökonomen ist dies eine tragische «Angebots-Lücke», die sofort verschwinden würde, wenn nicht das Unentgeltlichkeits-Prinzip gelten würde, sondern man die Spender bezahlen dürfte. Vergeblich fordert etwa der Nobelpreisträger Gary Becker seit Jahren «monetäre Anreize, um die Zahl transplantierbarer Organe zu steigern». Und ausgerechnet ein Land, über das die Welt sonst wenig Gutes zu sagen hat, folgt diesem Ideal:

Im Iran existiert der kontrollierte Organhandel seit zwanzig Jahren.

Der amerikanische Arzt Benjamin E. Hippen hat in einer Studie vom vergangenen März das iranische System genauer untersucht. Dort kann jeder in einem strikt regulierten Verfahren seine Nieren verkaufen, falls die Transplantationsärzte keine medizinischen Bedenken äussern. Man erhält dafür vom Staat eine fixe Kompensation von 1200 Dollar plus ein Jahr Krankenversicherung und vom Empfänger zudem eine separate Entschä­digung zwischen 2300 und 4500 Dollar. Ist der Empfänger mittellos, zahlt eine Wohltätigkeitsorganisation.

Dieser legale Organhandel ist so erfolgreich, dass der Iran heute keine Warteliste für Nierentransplantationen mehr hat und die gefährlichen Hinterzimmereingriffe verschwanden.

Die Verkäufer müssen sich selber bei einer nicht gewinnorientierten Vermittlungsorganisation melden, und das Programm ist auf iranische Bürger beschränkt. Die Empfänger stammen aus allen Schichten, die Verkäufer hingegen sind oft mittellos und brauchen dringend Geld. Unklar ist, ob die Eingriffe Folgen auf ihre Gesundheit haben, zumal ihnen ein Jahr nach dem Eingriff keine Folgeuntersuchungen mehr finanziert werden.

Bei allen Bedenken über vielleicht lückenhafte, wenn nicht schöngefärbte Berichte aus dem Iran fordert Hippen die Einführung eines kontrollierten Organhandels, der das iranische Modell für westliche Verhältnisse adaptiert. Konkret schlägt er höhere Entschädigungen vor (Schätzungen gehen davon aus, dass das Gesundheitssystem Zahlungen bis zu 100 000 Dollar pro Niere verkraftet) und eine langfristige Krankenversicherung für die Verkäufer, damit sie sich regelmässig untersuchen lassen können.

Sowohl die Befürworter – Nierenärzte und Ökonomen – wie die Gegner des kontrollierten Organhandels argumentieren letztlich mit der Moral oder nennen es sogar eine Doppelmoral: Weshalb sollte man Menschen, die dringend Geld brauchen, genau diese eine Einnahmequelle verwehren? Sie würden ohnehin die gefährlicheren Jobs ausüben, riskierten eh häufiger ihr Leben, etwa als Soldaten. Ausserdem warteten wahrscheinlich mehr arme als reiche Patienten auf eine neue Niere oder ein neues Herz.

Ohne legalen Organmarkt sei die Gefahr, dass diese die Zeit auf der Warteliste nicht überlebten, ebenso gross wie beim erkrankten Millionenerben.
..........................
Quelle: A.Zucker




1 Kommentar so far
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Hallo,

ich würde sofort meine Niere verkaufen, um endlich schuldenfrei zu sein und wieder Freude an Job, Kindern und Leben zu haben…Leider kann man sich in Duetschland dafür nicht vermitteln lassen…

Kommentar von Stini 09.27.08 @ 2:24 pm



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