Abgelegt unter: Finanzen und Wirtschaft
Um 1 Mrd. Euro werden Deutschlands Einzelhändler jedes Jahr von ihren eigenen Mitarbeitern geschröpft.
Besonders die Kasse gilt als Problemzone.
Die Jagd nach dem Dieb in den eigenen Reihen gehört bei Rewe zum täglichen Geschäft.
Seit mehreren Jahren schwört der Kölner Einzelhändler auf ein IT-Programm namens “Revvis”, das die mehr als 20.000 Kassen in den Konzernfilialen überwacht. Weichen Buchungen vom üblichen Muster ab, schrillen bei den Revisoren die Alarmglocken.
Mithilfe der Bondaten können die Prüfer dann erkennen, dass die Kassiererin Müller auffällig oft storniert oder der Kassierer Maier ungewöhnlich viel Leergut abrechnet.
Rewe ist dabei keine Ausnahme.
Ob Kaufhof, Praktiker, Plus oder Edeka – die meisten Einzelhändler schauen dem eigenen Kassenpersonal seit einigen Jahren mit Softwarehilfe auf die Finger. Äußern will sich dieser Tage allerdings kaum ein Unternehmen zu dem Thema. Zu groß ist vor dem Hintergrund der Lidl-Affäre die Verunsicherung in der Branche. Niemand will sich nachsagen lassen, er würde dem eigenen Personal misstrauen.
Dabei ist der Argwohn durchaus angebracht. Auf rund 4 Mrd. Euro belaufen sich im deutschen Einzelhandel die jährlichen “Inventurdifferenzen” – also der Unterschied zwischen dem buchmäßig errechneten und dem tatsächlichen Wert des Warenbestands. Gut ein Viertel der Summe geht auf dabei stehlende Mitarbeiter zurück, zeigt eine aktuelle Studie des Kölner Forschungsinstituts EHI Retail.
“Die Mitarbeiterdelikte sind für die Unternehmen dabei besonders teuer”, sagt EHI-Experte Frank Horst. Denn während ein normaler Ladendiebstahl im Schnitt nur mit 30 bis 40 Euro zu Buche schlage, summierten sich die Schäden durch einen klauenden Angestellten leicht auf ein Vielfaches: “Ein Mitarbeiter, der einmal stiehlt, tut das noch häufiger. Und in der Regel steigern sich die Beträge. Da kommt dann schnell eine vierstellige Summe zusammen”, sagt Horst.
Der Einzelhandel weiß um dieses Problem.
Allein 2006 investierte die Branche rund 1 Mrd. Euro in Sicherheitssysteme, die helfen, Inventurdifferenzen einzudämmen. Als Schwachpunkt haben die meisten Unternehmen den Tatort Kasse ausgemacht. “Dieser Bereich ist für die Mitarbeiter besonders verlockend”, sagt der Chef einer Sicherheitsfirma, die verschiedene große Einzelhändler berät. “Wenn ich Waren klaue, muss ich die erst zu Geld machen. Greife ich in die Kasse, habe ich gleich Bares in der Tasche.”
Übermäßige kriminelle Energie brauchen die Mitarbeiter nicht, um den eigenen Arbeitgeber zu hintergehen, erzählt ein Insider. Besonders beliebt: Ein Bon, den der Kunde liegen lässt, wird nicht weggeschmissen, sondern für ein vorgetäuschtes Retourgeschäft missbraucht. Der ausgewiesene Betrag wandert dann direkt aus der Kasse in den Kassierermantel, ohne dass die Waren zurück in die Regale kommt – schließlich liegen die Produkte ja längst in der Einkaufstüte des Kunden, der von all dem nichts bekommt. Neben der Kasse gelten auch die Pfandsysteme in der Branche als anfällig.
Noch in den 90-er Jahren blieb den Revisionsabteilungen nichts anderes übrig, als einzelne Bons stichprobenartig zu überprüfen – ein fast aussichtloses Unterfangen. Moderne Softwareprogramme von Wincor Nixdorf und anderen Anbietern ermöglichen es den Konzernen dagegen heutzutage, Millionen von Buchungen problemlos nach auffälligen Mustern zu durchforsten.
Rewe und die Tochter Penny kontrollieren inzwischen rund 5000 Märkte mit dem selbst entwickelten Revvis-Programm. Plus setzt seit einigen Jahren auf die Software „Loss Prevention“ von Fujitsu Services, der Discounter Netto, der inzwischen zu Edeka gehört, führte 2003 ein ähnliches System ein. Schon in den ersten zehn Monaten habe das Programm so viele straffällige Kassierer aufgespürt, dass 250 Mitarbeiter entlassen worden seien, schrieb das Branchenblatt “Lebensmittel-Zeitung” seinerzeit. Netto weist die Darstellung auf Nachfrage zurück.
Die Überwachung der Kassendaten erfolgt in der Regel im Einvernehmen mit dem Betriebsrat – auch wenn Gewerkschafter argwöhnen, mit den Software-Programmen ließen sich nicht nur Übeltäter aufspüren, sondern auch die Arbeitsleistung überwachen. Häufen sich Auffälligkeiten, setzten Einzelhändler auch Überwachungskameras ein, sagt ein Branchenkenner. Bei einem konkreten Verdacht ist das legal.
Neben diesen harten Methoden baut die Branche zunehmend auf Prävention.
“Beliebt sind Mitarbeiterschulungen”, sagt der Chef eines Unternehmens, das solche Programme anbietet. Vordergründig geht es bei solchen Veranstaltungen darum, die Beschäftigten für das Thema Ladendiebstahl zu sensibilisieren. “Ein hübscher Nebeneffekt ist, dass die Mitarbeiter selbst vorsichtiger werden, weil sie merken: Bei uns wird auf so etwas geachtet.”
Eine ähnliche Wirkung über auch Detektive auf die eigene Belegschaft aus. Wobei der Schuss auch nach hinten losgehen kann, wie das Beispiel eines Einzelhändlers in der Frankfurter Einkaufsmeile Zeil zeigt. Der wurde von einem seiner Angestellten um insgesamt rund 4000 Euro gebracht – bei dem Mitarbeiter handelte es sich um den Hausdetektiv.
Quelle: Heinz.R.Dohms
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