FinanzBlog24


Butterfahrten ins billige Deutschland
Donnerstag Dezember 20th 2007, 6:43 pm
Abgelegt unter: Tagesthemen

Die Wirtschaft freut sich über den Wegfall der Passkontrollen an den Grenzen zu Tschechien und Polen. Die Einkaufstouristen kommen, die Laster rollen, und alles wird leichter.

Prager Familien im KaufPark Dresden, einem Einzelhandelszentrum rund 50 Kilometer entfernt von der tschechischen Grenze, gehören schon zur Stammklientel.

Angefacht von starkem Wirtschaftswachstum, von Inflation und Mangel an Wettbewerb sind die Einzelhandelspreise in Tschechien so stark gestiegen, dass sich Einkaufstouren ins mittlerweile billigere Deutschland lohnen.

Deutsche Handelsunternehmen im Grenzgebiet stellen sich bereits auf die neuen Kunden ein: Sie schicken ihr Personal zum Tschechisch-Lernen in die Abendschule.

Ab morgen, wenn mit dem Beitritt Tschechiens, Polens, Ungarns, Sloweniens, der Slowakei und der baltischen Länder zum Schengener Abkommen über freien Personenverkehr die Passkontrollen an vielen EU-Innengrenzen eingestellt werden, erwarten bayrische, sächsische und brandenburgische Händler eine neue Welle von Einkaufstouristen aus den östlichen Nachbarländern.

Die EU-Kommission rechnet damit, dass die grenzüberschreitende Wirtschaft in Mittel- und Osteuropa nun noch schneller wächst als bisher.

Viele große und kleine deutsche Unternehmen mit Absatzmärkten oder Produktionsbetrieben in der Region versprechen sich Erleichterungen und neue Impulse für ihr Geschäft.

Eine „psychische Barriere“ werde mit den Kontrollen verschwinden, glaubt Michael Schneider, Chef des KaufPark Dresden: „Es fällt leichter, sich spontan ans Steuer zu setzen und zu uns zu kommen.“

Schon jetzt tragen neun Prozent der Autos auf den Parkplätzen der Shopping Mall tschechische Kennzeichen.

Damit es noch mehr werden, lässt Schneider Werbespots im tschechischen Radio ausstrahlen.

Seine Kunden aus Westböhmen, dank steigender Löhne immer besser bei Kasse, packen vor allem Mode à la Hennes & Mauritz und Unterhaltungselektronik ein.

Beides können sie auch in Städten wie Prag oder Pilsen haben – nur teuerer und schmaler im Sortiment. Das Preisniveau der Ikea-Möbelmärkte in Prag liegt acht Prozent höher als in deutschen Ikea-Filialen. Und nach den jüngsten Preissteigerungen etwa bei Milch und Fleisch lassen sich auch viele Lebensmittel in Deutschland billiger besorgen.

Lädt man einen ganzen Kofferraum voll, lohnt sich das. Marken-Süßware, Waschmittel und Kosmetik stehen auf den Einkaufslisten ganz oben, aber auch Grundnahrungsmittel sind in Deutschland um bis zu 30 Prozent billiger.

Zwei Extra-Boni heben die Kauflaune der Tschechen zusätzlich:

Der Wert der Tschechischen Krone gegenüber dem Euro steigt unaufhörlich, und pünktlich zum Schengen-Beitritt wurde die Autobahnverbindung zwischen Prag und Dresden fertig.

Umgekehrt will ein britisch-israelischer Immobilien-Investor den Deutschen, die bisher vor allem als Prag-Touristen oder zum Kauf von Zigaretten und Treibstoff über die Grenze kamen, ein anderes Tschechien näher bringen:

Im äußersten, nach Bayern hineinragenden Zipfel des Landes, dem Städtchen Asch, plant er für 700 Milionen Euro Hotels, ein Casino, Wohnungen und ein Krankenhaus.

Der Komplex soll 15.000 Menschen Arbeit bieten, Asch hat aber gerade mal 13.000 Einwohner.

Investor BCD setzt deshalb nicht nur auf Gäste aus Deutschland, sondern auch auf deutsche Arbeitskräfte.

Die Aussicht auf freie Fahrt zwischen Ost und West regt die Phantasie von Logistik-Dienstleistern wie Schenker und Dachser an. Kilometerlange Lkw-Schlangen am Freitagabend vor dem deutsch-tschechischen Grenzübergang Waidhaus und am Grenzübergang Frankfurt an der Oder dürften bald Geschichte sein.

„Passkontrolle, Abfertigung der Frachtpapiere, Durchsuchung der Fahrzeuge am Übergang – das ist jetzt alles vorbei“, sagt Mario Westergerling, Leiter für das Deutschland-Geschäft bei der Osteroder Spedition RiCö. Das Unternehmen ist spezialisiert auf den Frachtverkehr mit Osteuropa. 250 seiner Lastzüge schickt RiCö täglich über die deutsch-polnische Grenze. Die Zeitersparnis, hofft Westergerling, werde sich rasch auf der Kostenseite bemerkbar machen.

„Das Ende der Passkontrollen an der Grenze macht den Warenfluss jetzt beständiger und berechenbarer“, sagt Alfred Brunnbauer, Geschäftsführer der grenznahen Industrie- und Handelskammer Regensburg. „Für die moderne Just-in-Time-Produktion der Autohersteller und -zulieferer ist das ein Segen.“

Das Land Brandenburg exportiert zwar keine Autoteile nach Polen, jedoch Ölerzeugnisse für eine halbe Milliarde Euro pro Jahr, Stahl- und Eisenbleche und andere Grundprodukte.

Seit seinem EU-Beitritt Anfang 2004 hat sich Polen zum wichtigsten Exportziel der Brandenburger entwickelt. Die Außenhandelsexperten des brandenburgischen Wirtschaftsministeriums hoffen nun, dass der flüssigere Grenzverkehr den Polen-Export weiter beflügelt.

Eine touristische Blüte gar steht vielleicht dem deutsch-polnischen Grenzfluss Oder bevor.

In Schwedt oder Frankfurt in ein Boot zu steigen und nach Lust und Laune auf dem Fluss umherzugondeln, verhinderte bisher das Grenzregime. Jetzt aber werden neue Stege für Sportboote gebaut, und Schifffahrtsunternehmen planen Oder-Touren hinein in den Nationalpark Warthemündung auf polnischer Seite und bis hinauf in die Hafenstadt Stettin.

Für Butterfahrten ins billige Deutschland per Schiff oder Bus wird in Böhmen zwar noch nicht geworben, doch der Trend ist eindeutig:

Die tschechischen Preise steigen schneller als die deutschen. Damit wird Deutschland für die Tschechen, die im Durchschnitt immer noch nur ein Drittel der deutschen Gehälter verdienen, als Einkaufsziel immer attraktiver.

Der Handelsverband Sachsen jedenfalls drängt seine Mitglieder, sich gründlich vorzubereiten. Er schickte ihnen eine Liste mit nützlichen Redewendungen: „Platite hotove nebo kartou?“ lautet eine – „Zahlen Sie bar oder mit Karte?“


Quelle: C.Schaudwet




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